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02.07.2019 • 5 min.

Die Füße der Grande Dame

Agnès Varda (left) and JR (right) in Faces Places directed by Agnès Varda and JR. Photo courtesy of Cohen Media Group.
Agnès Varda (left) and JR (right) in Faces Places directed by Agnès Varda and JR. Photo courtesy of Cohen Media Group.

Füße. Zehen. Zehennägel. Diese 90-jährigen Füße gehen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. So freundlich hutzelig, ein wenig verformt von all den gelebten Jahren, fahren sie auf die Größe eines Zugwaggons vergrößert aus dem Bild der Dokumentation „Augenblicke – Gesichter einer Reise“.

Dazu kommentiert der junge Begleiter und Erschaffer dieses Kunstwerkes: Jetzt gehen sie auf Reisen und kommen an Orte, die du wahrscheinlich nie sehen wirst. Er sollte recht behalten. Etwas über ein Jahr später stirbt die Dame, deren Füße per Zugwaggon auf Wanderschaft gehen, an Krebs.

Augenblicke 

Aber zurück zu dem Dokumentarfilm, der mir durch Zufall im Urlaub auf ARTE vor die Füße fällt und nicht mehr losläßt. Ich frage mich die ganze Zeit, was mich an den Bildern, den Menschen, diesem Film überhaupt so fasziniert.

Da ist auf der einen Seite Agnès Varda, eine kautzige alte Dame mit weißen Haaren und rundherum rostroten Haarspitzen. Wie ein Heiligenschein umarmt er ihr Gesicht. Sie ist gefühlte 1,50 Meter groß, aber unglaublich präsent. So ein wenig erinnert sie mich an meine Oma. Auf der anderen Seite ist ein wesentlich jüngerer Mann mit Hut und Sonnenbrille. Beides nimmt er niemals ab. Es ist JR (Juste Ridicule).

Dieses Zweiergespann begibt sich auf eine Art Kunstreise. Der als mobiles Fotostudio umgebaute Kleinlaster von JR, wird für die beiden zum Fortbewegungsmittel und ständigem Begleiter auf ihrem Roadtrip durch ganz Frankreich vom Norden in den Süden. Die Besonderheit und das Wundervolle entsteht im Inneren des Fotomobils vom JR. Sie produzieren überlebensgroße Abzüge der Aufnahmen, die Varda und JR an die unterschiedlichsten Orte kleben. Auf Häuserwände, Hafencontainer, die Ruine eines alten Bunkers, Züge oder einen Ziegenstall.

Eine außergewöhnliche Freundschaft

Skurril, faszinierend, einzigartig. Der Stil ihrer Arbeit hat mich an Street Art Künstler wie Mr. Brainwash und Banksy erinnert.

Der Betrachter wird Zeuge einer außergewöhnlichen Freundschaft, die sich während der Dreharbeiten vertieft und für beide sehr wertvoll wird – intensive Momente, skurrile Situationen, echte Gefühle. Ein wahres Fest für das Herz. Und eine schöne Form jungen Menschen zu zeigen, auch mal den Dialog mit erfahrenen, alten Menschen aus ihrem Bereich zu suchen und sich durch sie inspirieren zu lassen.

Heitere Gelassenheit

Besonders bleibt mir eine Szene in Erinnerung: Beide sitzen in einem einfachen Café. Sie schimpft gerade wieder, dass er weder Sonnenbrille noch Hut abnehmen würde. Da sei Maskerade, unecht und distanzierend. Er bleibt ganz entspannt, während sie sich aufregt wie ein kleiner Rohrspatz. Unglaublich, wie in diesem Moment die Wutfunken des Unverständnis sprühen.

Er sagt darauf nur, ihre zweifarbigen Haare seien am Ende nichts anderes. Daraufhin dreht sie ihren Kopf kurz und wechselt schlagartig das Thema. Und er lächelt. Nicht wie auf einem Siegerpodest, sondern ehrlich und milde.

Am Ende des Films, als Varda durch eine unerwartete Situation sehr mitgenommen ist, nimmt er versöhnlich für sie seine Sonnenbrille ab. Nur, um sie ein wenig aufzumuntern. Ein bißchen wie Harold und Maude. Übrigens einer meiner Lieblingsfilme. Auch da gibt es eine Szene mit nackten Füßen. Auch Quentin Tarantino thematisiert Füße in Kill Bill 1 und 2 – aber genug für heute von Füßen. Haha.

Wer etwas mehr Hintergrundinformationen wünscht

Agnès Varda und der Streetart Künstler (Jahrgang 1983) sind sich im Jahr 2015 begegnet. Daraus resultierte der Dreh eines gemeinsamen Films. Sie beide eint die Lust an kreativer Zusammenarbeit. Auch wenn sie ansonsten unterschiedlicher kaum sein könnten.

Agnès Varda gilt als eine der Schlüsselfiguren des modernen Films und war eine der führenden Filmemacherinnen. Von einigen Kritikern wird sie als Grand-mère de la Nouvelle Vague gefeiert.

Während ihrer einzigartigen Reise erfahren sie inspirierende Geschichten vieler Menschen, denen sie begegnen, und halten deren Konterfei auf hunderten von Porträtaufnahmen fest. Ein Automechaniker, die letzten Bewohner eines fast verlassenen Dorfes, ein Postbote, Frauen von Dockarbeitern, ein Paar das Ziegen züchtet und viele weitere ganz normale außergewöhnliche Menschen.

Links

Text: Jan Wischermann, Anna Wischermann
Bildnachweis: Agnès Varda (left) and JR (right) in Faces Places directed by Agnès Varda and JR. Photo courtesy of Cohen Media Group.

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